Praktikum im Kindergarten Linden in Gambia


In dem Zeitraum vom 26.09.2019 bis zum 18.12.2019 habe ich ein freiwilliges Praktikum im Kindergarten Linden in Gambia (KLG) absolviert. Während dieser Zeit wohnte ich in einer eigens für Praktikanten eingerichteten Wohnung über dem Büro vom KLG in Jabang. Im Nachfolgendem berichte ich über meine Aufgaben und Erfahrungen während dieser fast dreimonatigen Praktikumszeit.

 

Meine Aufgaben und Tätigkeiten

In den ersten Wochen meines Praktikums besuchte ich der Reihe nach alle vier Klassen des KLGs, um den Unterricht sowie die Methodik und vor allem die LehrerInnen und SchülerInnen kennenzulernen. Auf der Grundlage dieser ersten Eindrücke wollte ich mich später entscheiden, in welcher Klasse ich während meiner Praktikumszeit unterstützend tätig sein möchte.

Daher verbrachte ich die ersten Tage in der ersten Klasse mit SchülerInnen im Alter von vier bis sechs Jahren.

 

Die Lehrer Anna Mendy und Omar Bojang vermitteln hier meist spielerisch den kleinsten Kindern vom KLG die ersten Grundlagen für ihre spätere schulische Laufbahn und ihr Leben. Vielen Schülern und Schülerinnen fiel es anfangs schwer, lange ruhig auf einem Stuhl zu sitzen und dem Unterricht zu folgen. Oft kamen sie morgens in den Klassenraum und blieben an der Türschwelle stehen und wussten nicht so recht wohin. Daher machte ich es mir zur Aufgabe, sie zu ihren Plätzen zu bringen, ihre Taschen aufzuhängen und ihnen zu helfen, sich richtig hinzusetzen.

 

Um die Kleinen nicht mit zu viel Unterrichtsinhalten zu überfordern, gab es zwischendurch immer wieder spielerische Elemente. Viele Familien in Gambia haben keine oder kaum Spielsachen zu Hause, weswegen einige Kinder auch nur zaghaft oder gar nicht mit den verteilten Spielsachen spielten, weil sie diese nicht kennen. Aus diesem Grund spielte ich zusammen mit ihnen, motivierte sie und versuchte ihre Fantasie anzuregen.

 

Die SchülerInnen in der ersten Klasse waren oft noch schüchtern und ruhig. Ein Mädchen kam beispielsweise in den ersten Tagen jeden Morgen weinend zur Schule. Ich habe stets versucht sie zu trösten und bin mit ihr auch in den Pausen zusammen über den Schulhof spazieren gegangen. Nach einiger Zeit ist aus ihr ein fröhliches Mädchen geworden, welches einige neue Freundinnen gefunden hat.

 

Trotz der Tatsache, dass die Kinder noch kaum Englisch sprachen oder verstanden, empfand ich es als sehr spannend, sie auf ihren ersten Schritten in ihrer Schullaufbahn zu begleiten und auch ohne viele Worte mit ihnen zu kommunizieren.

 

Einige Tage später wechselte ich das Klassenzimmer und verbrachte einige Tage in der zweiten Klasse von den Lehrern Paul Dember, Mammey Mendy und Isa- tou. Die Kinder lernten hier gerade Buchstaben und einfache Wörter zu schreiben. Dazu half ich den Lehrern, Übungsblätter vorzubereiten, die die SchülerInnen

 

später ausfüllen konnten. Doch vielen Kindern finden es schwer, die vorgegebenen Wörter nachzuschreiben, die Buchstaben in die richtige Reihenfolge zu bringen und auf den Linien zu schreiben. Ich ging also von Tisch zu Tisch, um ihnen beim Schreiben zu helfen und sie zu fördern.

 

Manchen Kindern vieles besonders schwer und so setzte ich mich geduldig neben sie, um ihnen zu zeigen, welchen Buchstaben sie als nächstes schreiben müssen und wo dieser hingehört.

 

Danach besuchte ich den Unterricht von Oumie und Mr. Cham in der dritten Klasse. Die Kinder übten gerade das Alphabet und ich unterstütze sie dabei, indem ich unter anderem mit ihnen ein “Alphabet-Puzzle” spielte. Da diese SchülerInnen die ältesten im KLG sind, konnte ich mich gut mit ihnen auf Englisch verständigen. Aber trotz ihres Alters verfolgten nicht alle von ihnen aufmerksam den Unterricht. Daher schaute ich, dass sie sich untereinander nicht ablenkten, sondern sich konzentrierten.

 

Die gleichen Aufgaben verfolgte ich auch in der anderen dritten Klasse von Horeja Ceesay und Mr. Harding. Außerdem gestaltete ich Tafelbilder mit Hilfe dieser die Kinder Übungen zu einem jeweiligen Thema machen sollten.

 

Ich entschied mich am Ende meiner Orientierungsphase, die Lehrer Oumie und Mr. Cham in ihrer dritten Klasse zu unterstützen. Während des Unterrichts lernte ich schnell die SchülerInnen mit ihren Talenten und Eigenarten kennen und merkte mir ihre Namen. Jeden Tag aufs Neue stellten die Lehrer ihre Fähigkeiten und Talente unter Beweis, wobei sie sich besonders durch Kreativität, Flexibilität, Geduld, Ausdauer und eine hohe Motivation sowie Spaß an ihrem Beruf auszeichneten. Auch ich konnte jeden Tag in „meiner“ Klasse helfen und Aufgaben übernehmen:

 

Anfangs beschriftete ich die Zahnbürsten aller SchülerInnen mit ihrem Namen, damit jede und jeder von ihnen eine eigene

 

Zahnbürste hat und diese auch nicht vertauscht. Außerdem half ich ihnen beim Zähneputzen und beaufsichtigte sie währenddessen.

 

Während des Unterrichts sorgte ich dafür, dass die Kinder aufmerksam den Lerninhalten folgten und gestaltete Arbeitsblätter für sie. Oft sollten die Kinder Tafelbilder abschreiben und selbstständig in ihren Heften die Aufgaben lösen. Viele Kinder hatten Schwierigkeiten überhaupt die Wörter abzuschreiben. So waren die Buchstaben in der falschen Reihenfolge und kreuz und quer auf dem Blatt verteilt. Nach einiger Zeit kannte ich die Kinder, denen es am schwersten fiel, diese Aufgaben zu erledigen und bei denen man kein einziges Wort entziffern konnte. Daher unterstützte ich besonders diese Kinder. Ich brauchte dabei zum Teil viel Geduld und zeigte Stück für Stück welcher Buchstabe als nächstes geschrieben werden musste und wohin er gehört. Nachdem das Abschreiben erledigt war, mussten auch die Übungen erledigt werden. Dabei half ich den Kindern natürlich ebenso.

In der Klasse gab es große Unterschiede zwischen dem Leistungsniveau der Kinder. Einige konnten ihre Aufgaben sehr selbständig und ordentlich erledigen, andere brauchten sehr viel Zeit und wieder andere schrieben spiegelverkehrt von rechts nach links oder unleserlich kreuz und quer in ihrem Heft. Daher war es wichtig, dass wir ihnen geduldig zeigten, wie es richtig geht. Von Malen und Basteln bis hin zu sportlichen Aktivitäten, bei allem unterstützte ich die Kinder und Lehrer.

 

Im Zuge der Graduation-Feier mussten schon früh viele Vorbereitungen getroffen werden. Lieder, ein Theaterstück, Reden und Tänze wurden geprobt. Schnell lernte ich die Lieder sowie passenden Gestiken dazu und gesellte mich zu den Lehrern in die Mitte des Stuhlkreises der Kinder, um ihnen die Lieder beizubringen. Für das Theaterstück und die „Vote of Thanks“-Rede probte ich mit den SchülerInnen des Abschlussjahrgangs ihre Texte. Auch am Tag der Feier war es meine Aufgabe, mich um diese zu kümmern, sie zu ihren Plätzen zu führen und ihnen die Zertifikate auszuhändigen. Mein absolutes Highlight in Bezug auf diese Feierlichkeit war aber, dass Mammey Mendy und ich mit den Kindern eine Tanz-Choreografie eingeübt hatten und diese stolz präsentieren durften. Während der Vorbereitungen vertrat ich auch zwischendurch den einen oder anderen Lehrer und übte mit den Kindern das Alphabet, die Zahlen und das Buchstabieren von Wörtern.

 

Neben der Unterstützung der Lehrer im Unterricht und der Graduation-Feier, kümmerten Cherno Jah und ich uns auch um die Patenkinder vom KLG. Wir prüften zunächst, wer aktuell ein Patenkind ist und kontaktierten diese. Wir sammelten ihre Schulergebnisse, Dankesbriefe und Fotos sowie Informationen über den Namen der Schule, der Klasse und Kosten für diese ein. Wir organisierten ein Treffen der Patenkinder und hakten meist mehrmals nach den oben genannten Dokumenten und Auskünften nach.

 

Eine großartige Erfahrung war es auch, dass ich an drei Tagen den Unterricht in „meiner“ Klasse ganz allein vorbereiten und durchführen durfte. Da jede Woche unter einem anderen Thema steht, war mir dieses zwar vorgegeben, aber wie ich es umsetzte und was genau ich den Kindern beibringe, blieb mir überlassen. An zwei Tagen plante ich den Unterricht zum

 

Thema Zahlen von eins bis zwanzig. Die Kinder lernten die Zahlen als Wörter auszuschreiben und sie mit den Symbolen zu verknüpfen. Dies fiel ihnen anfangs noch recht schwer. Mit verschiedenen Methoden versuchte ich es ihnen beizubringen. Die Kinder buchstabierten die Wörter, schrieben die Zahlen und malten so viele Gegenstände, wie durch die Zahlen vorgesehen waren. Ich las ihnen Geschichten zum Thema Zahlen vor, modellierte aus Pfeifenputzern ihre Symbole, baute verschieden hohe Türme aus Bauklötzen und spielte draußen Spiele zum Thema Zahlen mit ihnen. Außerdem machte ich auch Unterricht zum Thema wilde Tiere. Dabei sammelte ich erst einmal an der Tafel alle Tiere, die die Schüler*innen kannten. Wir malten und bastelten diese, lasen eine Geschichte und unterhielten uns über Elefanten, Giraffen und Co. Damit die Kinder den Unterricht weniger stören, sich nicht gegenseitig ablenken und streiten, gestaltete ich eine Smiley-Ampel. Jedes Kind hatte eine eigene Klammer mit seinem Namen und wurde bei störendem oder negativem Verhalten eine Stufe tiefer in Richtung des roten traurigen Smileys gesetzt.

 

Nicht nur in „meiner“ Klasse übernahm ich viele Aufgaben. Zwischendurch gestaltete ich immer wieder Tafelbilder für die anderen Level und unterstützte die Lehrer bei sonstigen Aufgaben. Ich beaufsichtigte die SchülerInnen während der Pausen sowie beim Essen, baute mit ihnen die Tische für das Essen ab und spielte mit ihnen. Eines Nachmittags lud mich der Direktor der nebenan gelegenen Lower Basic School ein, den Unterricht zu besuchen und zu helfen.

 

Spontan übernahm ich an zwei Nachmittagen nach dem Kindergarten für eineinhalb Stunden den Unterricht einer Klasse dieser Grundschule.

 

Ich habe während meines Praktikums unglaublich viele Erfahrungen und Eindrücke gesammelt. Während ich die Mitarbeiter vom KLG unterstützen konnte, haben auch sie mich gleichzeitig unterstützt und standen mir immer hilfsbereit und herzlich zur Seite. Ich bin überaus dankbar für diese Zeit und möchte sie auf gar keinen Fall missen!

 

Weiterführende persönliche Erfahrungen

 

Meine Praktikumszeit war für mich wie eine “Achterbahnfahrt”. Erst kam der Looping mit der Abfahrt in ein Tal und nach einiger Zeit ging es steil bergauf und von da an auch nicht mehr bergab. In den ersten Tagen hinderte mich der “Kulturschock” stark daran, die Zeit in Gambia zu genießen, Menschen kennenzulernen und Dinge zu unternehmen. Ernüchternderweise brauchte ich einfach meine Zeit, mich an alles zu gewöhnen und Spaß bei der Arbeit und am Leben in Gambia zu haben.

 

Doch so schwer auch der Anfang gewesen war, umso schöner war die Zeit danach. Wenn mich jemand fragt, was mir am besten an Gambia gefallen hat, dann antworte ich: Die Menschen. Ich wurde stets mit einer so warmen Herzlichkeit und Freundlichkeit empfangen, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Ich unternahm einiges mit Simon Jarju (dem Direktor vom KLG), den anderen Lehrern, Cherno Jah und vor allem mit Fatou Sarge. Sie alle haben mir geholfen, mich wohlzufühlen und mich in diesem einst fremden Land einzuleben.

 

Es stimmt, was Claudia Ende September gesagt hat: “Alle Praktikantinnen und Praktikanten berichten sehr positiv über die Zeit in Gambia, weil sie durch die überwältigenden Erfahrungen und Eindrücke den mehr oder weniger schwierigen Anfang vergessen haben.” Am Anfang hätte ich überhaupt nicht den Gedanken daran verschwendet, dass ich alleine mit Buschtaxis fahre, vor fast 50 Schüler-Innen spontan Unterricht gebe, auf der Fähre nach Barra mit Fatou Sarge Melodien aus dem Radio singe, mich sehr darüber wundere, auf einmal andere Toubabi zu sehen und viel Spaß dabei zu haben, mit Simon beim Tennis konsequent gegen alle sonstigen Spielregel, zu verstoßen und einfach irgendwie zu spielen. Es sind so viele Eindrücke und Erlebnisse, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Aber ich trage sie in meinem Herzen und hoffe, dass sie noch lange dortbleiben. Ich werde bestimmt wieder nach Gambia kommen, um noch mehr von diesem einzigartigen Land mit seinen Menschen und vom Kindergarten Linden in Gambia zu erleben. Ich kann dieses Praktikum nur weiterempfehlen, denn der schwierige Anfang mit seinen Loopings und Abfahrten in tiefe Täler, ist nichts gegen die unglaublich wunderbare Zeit, die steil bergauf auf den Schienen zum Glück ging!

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei dem gesamten deutschen KLG-Team für ihre Unterstützung und Betreuung bedanken!

 

Gelsenkirchen, den 30.12.2019

 

Leonie Milde

 

Bilder zu meinem Bericht

Vote of Thanks 2019 - Danksagung der Schülerin Isatou Njie (7 Jahre alt)

 

Zur feierlichen Entlassung von 36 Kindern nach drei Kindergartenjahren in die Grundschule. Auswendig vorgetragen in englischer Sprache, die Isatou erst im Kindergaren gelernt hat.

 

 

Guten Tag Mr. Chairman*, Gastredner, eingeladene Gäste, Bürgermeister von Jabang, Vertreter des Dorfes, Lehrer, Mitschüler, meine Damen und Herren.

 

Es ist mir eine Ehre, hier zu stehen und Ihnen im Namen meiner Mitschüler zu danken. Ich freue mich, dass die heutige Entlassungsfeier so großartig gestaltet wird.

 

Da wir nach unserem Lernprozess nun zu einem noch herausfordernden Ziel in die Grundschule wechseln, möchte ich unseren deutschen Sponsoren, dem Kindergartenleiter und den Erzieherinnen und Erziehern für die Hilfe bei unserer sozialen, moralischen und körperlichen Entwicklung danken. Wir sind uns dessen bewusst, wie viel Zeit und Bemühungen ihr uns von Gruppe eins bis Gruppe drei geschenkt habt. Danke, dass Ihr uns drei Jahre begleitet habt.

 

Mr. Chairman*, es macht mich traurig in Erinnerung zu bringen, dass unsere geliebte MAMA, Gaby Feller, von uns gegangen ist. Möge ihre Seele in Frieden ruhen. Meine Mitschüler und ich glauben, dass die Spuren der Liebe das Einzige von Bedeutung sind, was wir hinterlassen, wenn wir von hier scheiden. So ist sie von uns gegangen, doch nicht vergessen.

 

An dieser Stelle möchte ich dem gesamten Team von Deutschland für die Unterstützung nochmals danken.

 

An unsere lieben Eltern: Ihr habt viel für unsere innere und äußere Entwicklung gegeben. Danke, dass ihr heute gekommen und dabei seid.

 

An all mein Mitschüler: Ich danke euch, dass ihr eure Lernzeit ernst genommen habt. Behalten wir in uns die Begeisterung für das Gute, das wir von unseren Erzieherinnen und Erziehern gelernt haben.

 

Herzlichen Glückwunsch.

 

Ich danke für Ihre freundliche Aufmerksamkeit.

 

 

Chairman*: Wolfgang Stiller, Vorsitzender KLG Bochum

 

Praktikum im Kindergarten Linden in Gambia
Ein Bericht aus der Sicht der Praktikantin
Leonie Milde, Bochum
Herbst 2019
2019-Herbst Praktikumsbericht Leonie Mil
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